Was Anthropic gerade an sich selbst gemacht hat
Auf einer Entwicklerkonferenz Ende Juni hat Tariq Shihipar von Anthropic etwas erzählt, das der Intuition der meisten widerspricht. Für die neue Modellgeneration hat Anthropic den System-Prompt ihres eigenen Coding-Werkzeugs Claude Code um rund 80 Prozent gekürzt. Der System-Prompt ist die feste Grundanweisung, die das Modell vor jeder Aufgabe bekommt, quasi die Stellenbeschreibung. Vier Fünftel davon sind raus.
Die Begründung: Ein fähiges Modell mit langen Verbotslisten zu steuern macht es nicht besser, sondern enger. Es denke ohnehin fantasievoller, als die Vorgaben zulassen. Kontext trägt weiter als das Regelwerk. Das ist keine Kleinigkeit. Anthropic baut die Modelle. Wenn ausgerechnet die zu dem Schluss kommen, dass weniger Vorgaben besser funktionieren, lohnt ein Blick auf die eigenen Anweisungen.
Warum mehr Regeln nicht mehr Kontrolle sind
Der Reflex ist verständlich. Die KI macht einen Fehler, also schreibst du eine Regel dagegen. Nächster Fehler, nächste Regel. Nach ein paar Wochen steht in deiner Anweisung ein Wust aus „mach auf keinen Fall", „niemals", „unter keinen Umständen". Fühlt sich nach Kontrolle an.
Das Problem: Ein gutes aktuelles Modell versteht die Situation oft besser, als die Verbote zulassen. Jede harte Regel schneidet einen Teil dessen weg, was es eigentlich richtig gemacht hätte. Zwanzig Verbote später ist es vorsichtig, umständlich und trifft schlechtere Entscheidungen, weil es mehr damit beschäftigt ist, gegen keine Regel zu verstoßen, als das eigentliche Ziel zu treffen. Du hast Kontrolle gegen Qualität getauscht, ohne es zu merken.
Wo das bei dir im Betrieb auftaucht
Du schreibst öfter KI-Anweisungen, als dir bewusst ist. Überall dort sitzt ein Textblock, der der KI sagt, was sie tun soll.
- Der Custom GPT oder das Claude Project, das Angebote aus Stichpunkten baut
- Die Systemanweisung im Kundenchat auf deiner Website
- Der Automatisierungs-Schritt in n8n oder Make, der Mails vorsortiert
- Die Instruktion, die deinem KI-Assistenten sagt, in welchem Ton er antwortet
Und überall ist die Versuchung dieselbe: bei jedem Fehler eine Regel dazu, bis der halbe Text aus Verboten besteht.
Kontext statt Verbote
Der bessere Weg ist, der KI die Lage zu erklären statt ihr Verbote aufzuzählen. Ein Beispiel aus dem Kundenservice.
Die zweite Version verbietet fast nichts und trifft trotzdem jede der gewünschten Entscheidungen, weil die KI jetzt versteht, warum. Kurze Antworten kommen aus „Kollege am Tresen". Keine erfundenen Preise kommen aus „steht in der Liste, sonst Telefonat". Das Modell muss nicht raten, gegen welche der zwanzig Regeln es gerade verstößt. Es kennt das Ziel.
Drei Dinge wirken dabei am stärksten:
- Rolle und Lage. Für wen arbeitet die KI, wer liest die Antwort, was ist die Situation.
- Das Warum hinter einer Vorgabe, nicht nur die Vorgabe. „Kurz, weil unsere Kunden am Handy lesen" schlägt „maximal drei Sätze".
- Ein gutes Beispiel. Eine einzige Musterantwort sagt mehr als zehn Regeln darüber, wie eine Antwort auszusehen hat.
Wo Regeln trotzdem bleiben
Das heißt nicht, alle Regeln raus. Ein paar gehören hart formuliert und bleiben stehen.
- Sicherheit und Recht. Keine Preiszusagen, keine Rechtsauskunft, keine Kundendaten nach außen.
- Freigabe-Grenzen. Nichts verschicken, buchen oder löschen, ohne dass ein Mensch draufschaut.
- Feste Fakten. Öffnungszeiten, Ansprechpartner, was ihr nicht anbietet.
Was ich gerade selbst teste
Ehrlich gesagt bin ich mitten drin. Meine eigenen Assistenten laufen auf Anweisungen, die über Monate gewachsen sind, mit reichlich Verboten darin. Ich gehe sie gerade durch und ersetze jedes „mach auf keinen Fall X" durch die Frage: was ist der Kontext, aus dem das ohnehin folgt. Bei den kleinen, günstigen Modellen brauchst du mehr Führung, das weiß ich schon. Bei den guten aktuellen Modellen spricht bisher alles dafür, dass weniger mehr ist. Die endgültige Zahl habe ich noch nicht, aber die Richtung ist deutlich genug, dass ich sie dir jetzt schon weitergebe.
Fazit
Wenn deine KI im Alltag danebenliegt, ist der erste Reflex, eine Regel dazuzuschreiben. Probier das Gegenteil. Nimm drei Verbote raus und erklär stattdessen die Lage und das Ziel, häng ein gutes Beispiel dran. Wenn selbst Anthropic den eigenen Prompt um vier Fünftel kürzt, ist die Chance groß, dass auch deine Anweisung an zu vielen Regeln erstickt, nicht an zu wenigen.
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Platz sichernQuelle: the decoder, „Weniger ist mehr: Anthropic steuert Mythos-Klasse mit Kontext statt mit Verboten" (Juli 2026), nach einem Vortrag von Tariq Shihipar, Member of Technical Staff bei Anthropic, auf einer AI-Engineer-Konferenz: Kürzung des Claude-Code-System-Prompts um rund 80 Prozent für die neue Modellklasse, Kontext statt expliziter Verbote. Beispiele und Einordnung aus eigener Arbeit an Systemanweisungen, Juli 2026.